Aachen zuhause
Es ist hell in meinem Schlafzimmer. Die Uhr verrät mir irgendwas mit 9 vor dem Doppelpunkt. Viel zu früh für den letzten Spieltag. Als es dann irgendwann 10:20h ist muss ich aber erkennen, dass es sich nicht weiter lohnt zu schlafen. Die Optik ist zwar noch sehr verzerrt, aber ich muss jetzt hoch. Um 13:00h ist Treffen und ich will es einmal in 17 Heimspiele schaffen, vor Tim Ohlsdorf zu sein. Als ich mich dann aber von der horizontalen in die vertikale Sitzposition bewege, sieht es nicht gut aus. Julie und ich haben am Vorabend mächtig getankt. Das solche Abende mit Alkohol und mildem Frühlingswetter immer so eine verdammte Eigendynamik entwickeln müssen! Zwei Flaschen Wein (rose), 6 Dosen Prosecco und 2 Cocktails hatten wir gestern – bin ich eigentlich bescheuert? Heute ist der Tag, an dem Alkohol in rauen Mengen fliessen soll. Heute wird gefeiert! Und meine Vorbereitung war denkbar schlecht gewesen. Zum Glück geht es Julie deutlich schlechter. Das hilft! Ich schleppe mich aufs Sofa und versuche irgendeine halbwegs interessante Doku im Fernsehen zu erhaschen. Fakt ist, dass ich immer wieder einnicke und Gefahr laufe, gar nicht hoch zu kommen. Das wäre Kultverdächtig: macht man 33 Spiele und geht zum letzten nicht hin, weil das Kirschblütenfeuerwerk vom Vorabend ausreichend begossen wurde. Gegen 11:30 (!!!) mache ich mich daran, Nudeln zu kochen. Etwas Schinken und Pepperoni sollen Geschmack bringen. Gegen 12:15h ist das Essen fertig...ich glaube, in der Imbissindustrie würde ich ganze 2 Tage überleben bei dem Tempo! Dennoch schaffe ich es, gegen 12:35h die Wohnung zu verlassen. Julie ist da immer noch im Arsch! Groni ruft an:“ Hast du Malte auch bescheid gesagt? Ich bin gleich da!“ Also rufe ich Malte an, der aber nicht ran geht. Er ruft 2 Minuten später zurück:“ Ich fahre gleich mit dem Auto. Wo seid ihr denn dann?“ „Mit dem Auto?“ Panik macht sich breit. Ich habe heute zum Abschluss einen Tisch bei einem Portugiesen bestellt. Das geile an dem Laden: Der hat Bierzapfhähne am Tisch! Da ist der Vollsuff vorprogrammiert. „Ich werde nur mitgenommen...!“ ein Glück. Malte ist schon mal dabei. Ich komme Ohlsdorf an und sehe einen viel zu gut gekleideten Groninger. Heute ist nämlich auch offizielle HSV Abschlussfeier mit Mannschaft und saufen. Er trägt einen Mantel mit Sakko und Hemd. Da kommt mir spontan die Idee einer Mottofahrt für nächste Saison: Mit dem Sakko nach Dortmund...oder so. Wir kaufen Bier und gehen nach oben. Heute ist Tim unpünktlich. Es ist ihm gelungen, sich auf meine Unpünktlichkeit einzustellen. Gegen kurz nach 13:00h fahren wir also zum Stadion. Das Bier schmeckt schon wieder...sollte ich mir Gedanken machen? Nicht jetzt! Später! Die Reise führt uns über Kelle zur Sternschanze. Hier sind schon einige Aachener am Start. Würde ich noch die weite Reise antreten, wenn ich schon abgestiegen wäre. Ich glaube ja. Ohne grössere Verzögerungen erreichen wir Eidelstedt, wo sich zum Glück langsam das Chaos der Baustelle lichtet. Es ist nicht mehr ganz so eng und so können wir bei Bier das Superwetter geniessen. Heute morgen, als die 9 noch vorm Doppelpunkt war, hatte es noch in Strömen gegossen. Malte ist jetzt auch da. Wir diskutieren über die Wichtigkeit des Spiels. Eigentlich hat es für mich nur noch maximal statistischen Wert. Wer glaubt ernsthaft daran, dass Dortmund und Hannover nicht gewinnen. Mindestens einer wird uns schon in die Suppe spucken. Ich denke mir, wie es wohl wäre, jetzt Stuttgarter zu sein, die mit einem absoluten Speedüberschuss auf die Meisterschaft zu rasen und Schalke und Bremen locker abgehängt haben. Eine Woche Vorfreude, dann das Wochenende durchfeiern, wieder eine Woche Vorfreude und dann ist das Double perfekt. Was muss das für ein Gefühl sein? Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen. Vorfreude auf ein richtiges Finale. Nicht so ein UI Cup oder Ligapokal Mist. Was richtiges gewinnen: Meisterschaft, Pokal, Europapokal – ob ich es nochmal erleben werde? Die Sonne brennt und ich komme mir etwas doof vor mit meiner Regenjacke als wir Richtung Stadion aufbrechen. Wir betreten das Stadion. Es ist der letzte Spieltag, ausverkauftes Haus. Da liegt immer etwas Wehmut in der Luft. Ähnlich wie an Sylvester. Man denkt schon mal zurück und fragt sich, was nach 17:15h kommt. Auch ich frage mich, wie es weiter geht. Heute werde ich noch einige Male gefragt, was ich denn nun nächste Saison mache. So richtig beantworten kann ich die Frage nicht. Ich weiss es auch nicht. Tim, Malte und ich gehen erst zum Bierstand und dann auf unsere Plätze. Der Kran, von dem Loddo immer die Mannschaftsaufstellung verliest, trägt heute ein grosses Banner: 35 Jahre Fanclub Rothosen. Die Mannschaften kommen zum aufwärmen und das Kribbeln beginnt wieder. Die ausgangslage ist klar: Gladbach, Mainz und Aachen sind abgestiegen. Dortmund und Hannover dürfen nicht gewinnen. Wir müssen gewinnen. Dann sind wir im UI Cup! Stuttgart darf nicht, bei gleichzeitigem Sieg von Schalke, verlieren. Stuttgart reicht ein Unentschieden wenn Schalke mit weniger als (ich glaube) 4 Toren Unterschied gewinnt. Bei Sieg Stuttgart sind die Schwaben Meister und der FC Meineid und Wer da? Brähmen gucken in die Röhre. Die Zeit bis zum anpfiff vergeht schnell. Dann ist es 15:30h und die Mannschaften betreten den heiligen Rasen. Wir präsentieren eine echt schöne Choreo: Überwiegend blau, mit schwarz und weiss. In der Mitte ein alter Mann, der ein Buch aufgeklappt hat. Darunter das Spruchband:“ IM BUCH DES WEISEN KÖNNT IHR SEHEN, WIR WERDEN NIEMALS UNTERGEHEN!“ Geiles Ding. Dann gibt es Blumen: Wächter wird mit Applaus bedacht (Warum?), Klingbeil wird auch gehen (Endlich!!). Dann kommt Mehdi. Oh Mann. Einer der Dienstältesten wird den Verein verlassen. Eigentlich ist er nicht schlecht. Aber für das, was er spielt, viel zu teuer! Stevens hatte vor kurzem noch eine nette Formulierung über ihn:“ Mehdi hat in der Rückrunde geholfen, den Abstieg zu verhindern. Leider hat er in der Hinrunde dazu beigetragen, dass es überhaupt so weit gekommen war!“ oder so ähnlich. Stevens hatte recht. Seine Formkurve in den letzten Monaten und Jahren einfach nicht konstant genug. Es bleibt nur zu hoffen, dass wir jemand besseren als ihn finden. Das Spiel beginnt. Die letzte 11 der Saison 2006/2007 sieht wie folgt aus: F. Rost - Benjamin, B. Reinhardt, Mathijsen, Atouba - de Jong – Demel, Jarolim, Sorin - van der Vaart – Olic. Die nächsten 90 Minuten sollten es wirklich in sich haben. Nicht nur hier, sonder in der ganzen Bundesliga. Eine ausführliche Beschreibung würde den Rahmen einfach sprengen, daher hier in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse: 11. Minute: 1:0 Schalke, Lincoln. Alles ist gut. 15. Minute: 1:0 HSV. Olic wird super mit der Hacke von van der Vaart bedient. Er zieht ab und nagelt die Pille unter die Latte. Keine Chance für Aachens Hesse. Warum nicht öfter so Olic? 16. Minute: 2:0 Schalke, Altintop. Man kann die Hoffnung der Schalker förmlich spüren. 19. Minute: 0:1 Cottbus in Stuttgart. Radu trifft. Oha!?! Verdaddeln die Schwaben das Ding noch? Schalke ist in diesem Moment Meister! 27. Minute: 2:0 HSV! Wieder Olic! Und da ertönt es wieder in 25B:“There’e only one Ivica Olic...!“ Van der Vaart hatte geflankt, Sorins Schuss geblockt und Abstauber Olic markiert seinen ersten Doppelpack im HSV Trikot. Alles läuft nach Plan! 27. Minute: 1:1 in Stuttgart. Hitzelsberger trifft mit einem schier unmenschlichen Linksschuss mitten ins Schalker Herz. Meister der Herzen Reloaded! Neun 9 Minuten Meisterschaft ist jetzt Stuttgart wieder Champ. Und dann, das erste Mal Extase: 45 Minute: Leverkusen – Dortmund 1:0. Der blinde Kiessling trifft! Das schöne an letzten Spieltagen ist, dass viele ihre alten Radios und Weltempfänger rauskramen und man meistens schon vorher mitbekommt, dass auf einem anderen Platz ein Tor gefallen ist, bevor es überhaupt auf der Anzeigetafel verkündet wird. Wird dann die „BILD“ Grafik auf der Videoleinwand sichtbar, wird das Tor gefeiert und herbeigerufen wie ein Eckball mit anschliessendem Tor für die eigene Mannschaft. Halbzeit. Ich muss pinkeln. Es sieht verdammt gut aus. Die Laune ist überall hervorragend. Die Löwen neben uns sind bestens aufgelegt und redselig wie nie. Da der Typ neben mir kein Bier mag, dass aber gegenüber seinen Jungs nicht zugeben darf, komme ich des Öfteren in den Genuss seines Gerstensaftes. Das ist unser Tag. Na gut, vielleicht auch etwas der des VfB aus Stuttgart. Aber in erster Linie unser! Die zweite Hälfte beginnt. Neun Minuten passiert nichts, dann stellen sich die Weichen nach Europa: 54. Minute: 2:0 für Leverkusen gegen Dortmund. Rolfes! UND: 0:1 in Hannover. Nürnbergs Mintal trifft! WAHNSINN!!!! UND: 3:0 HSV. Sorin macht sein erstes Tor an diesem Nachmittag nach Weltklasse Vorarbeit von van der Vaart! Jetzt fliegen auch wieder die Bierbecher...vornehmlich aus 25B, Reihe 3, Sitz 15...! 60. Minute: Mehdi kommt für den guten Demel. Das MEEEEEHHHHDDDDDIIIIIIII erscheint heute viel lauter und durchdringender als jemals zuvor. 62. Minute: Engelhardt trifft in Hannover zum 0:2 für Nürnberg! Jetzt kann kaum noch was schief gehen, oder? 63. Minute: 2:1 für Stuttgart. Khedira holt die Schale an den Neckar! 79. Minute: Smolarek verkürzt in Leverkusen zum 1:2 für Dortmund. Einer der Löwen neben mir (schon total voll) jubelt was das Zeug hält. Wir gucken uns mit einem leichten Lächeln verwundert an. Bei den Jungs muss man ja immer etwas vorsichtig sein. Ich tippe ihm auf die Schulter und meine, dass doch Leverkusen schon 2:0 geführt hätte. Das 2:1 wäre also gar nicht so gut. „Ist doch egal, lass sie doch 2:2 spielen. Ist doch besser für uns!“ Hm. Diese Meinung hat er zwar exklusiv, aber witzig ist es dennoch. 79. Minute: Wächter kommt für Rost, der mit stehenden Ovationen gefeiert wird. Rost hatte sich unter der Woche stark gemacht, dass wenn es der Spielstand zulässt, er es gerne sehen würde, wenn Wächter nochmal aufläuft. Er hatte sich wohl als fairer Verlierer all die Monate präsentiert und das wollte Rost jetzt würdigen. 87. Minute: Der mittlerweile eingewechselte Sanogo verstolpert den Ball am 5 Meter Eck, kann aber doch noch abziehen, aber der Ball wird geblockt. Den Abpraller drückt Sorin zum 4:0 über die Linie. In der 90. Minute trifft Kucera noch zum 2:1 auf Schalke. 90 + 2: Banovic erzielt für Nürnberg das 0:3! Wir sind im UI Cup. Vor einem Jahr an dieser Stelle hatten wir noch das Finale verloren, jetzt haben wir gewonnen und eine echt schwache Saison doch noch zum guten gewendet. Die zweitbeste Rückrundenmannschaft hat es sich verdient! Sie hat mir ein wunderschönes Geschenk beschert und ich bilde mir ein, dass dies kein Zufall ist. Ich bin doch ein Glückskind oder Goldjunge und es wäre schon sehr schade gewesen, wenn diese Saison ohne Highlight geendet wäre! Danke, HSV! Klar kann man jetzt sagen: Vor ein paar Monaten wolltest du noch alle erschiessen! Ja, das stimmt. Aber ich stimme jetzt in den Tenor ein, dass das Bundesligageschäft nun mal ein schnelllebiges ist und zahle auch gern 5 Euro ins Phrasenschwein dafür. Ich jubel jetzt den Menschen zu, die uns in diese missliche Situation im Winter überhaupt hinein gebracht haben und habe nicht mal ein schlechtes Gewissen! Auf dem Rasen geht inzwischen die Post ab: Die Mannschaft hatte ihre ehrenrunde mit einem Riesentransparten („ WIR FÜR EUCH, IHR FÜR UNS- NUR DER HSV“) beendet. Stefan Wächter gröhlt über die Stadionlautsprecher vor (auch „Scheiss Werder Bremen!“ lässt er nicht aus) und die Nordtribüne antwortet. Das der zweite Stadionsprecher Marek ihm alles ins Ohr vorsagt stört dabei nur wenig. Wenig später tanzt Rost mit einem Bengalo in der Hand vor den Fans. Er versucht ihn später auszutreten, fackelt dabei aber Teile des Rasens ab. Sehr geil! Mehdi wird auf Händen getragen und es rollen ihm ein paar Tränen über das Gesicht. Dann verschwindet die Mannschaft in der Haupttribüne, um dann kurze Zeit später mit Trainer Huub Stevens wieder zu kommen. Das ganze wiederholt sich. Es wirkt auf mich nicht gekünztelt. Irgendwie glaube ich den Spielern, dass sie sich auch freuen. Es ist keine aufgesetzte Atmosphäre, wie ich finde. Dann ist Schluss und wir verlassen das Wohnzimmer. Am Fuss treffen wir nun auf Wilhelm & Anna sowie Steven, der fast noch besser aussieht als Groni aber definitiv besser duftet. Und das will was heissen bei Steven! Es ist kurz vor 18h und ich sehe schon meinen reservierten Tisch davon schwimmen. Wir nehmen das Shuttle nach Stellingen. Dort dann noch eine unschöne Szene: Ein ST.Pauli Fan hatte sich unter das Aachener Auswärtspublikum gemischt um uns zu provozieren! Ja, ich glaube, er wollte nur uns auf den Sack gehen! Steven sagt ihm aber ziemlich schnell und ziemlich deutlich, was er von ihm hält. So ist es richtig! Seit Wochen treffen wir nun immer auf diese braun-weisse Arschlöcher! Ist das Zufall? Leider steigen die auf. Dann bekommen die wieder so viel Aufmerksamkeit in den Medien und die ganzen Kultfans gehen plötzlich wieder hin. Boah, wird das Scheisse! Es kommt gleich unsere Bahn und wir sind gegen 18:20h am S-Bahnhof Landungsbrücken. Julie war schon voraus gefahren und hatte mir bestätigt, dass alles klar gegangen war. Puh! Das wäre mir unendlich peinlich gewesen, wenn ich nun mit 12 Leute auf der Strasse gestanden hätte und mich nicht gebührend hätte für die Unterstützung bedanken können. Simon ist mit seiner besseren Hälfte auch schon dort. Es folgen noch Ken und Lüth (leider mit Auto). Vorher bekomme ich von den Jungs noch das Design zu einem T-shirt (ist leider nicht fertig geworden) sowie Julie und ich jeweils einen Gutschein fürs Meridian Spa. Mich trifft der Schlag! Ich kann mit solchen Situationen immer nur ganz schwer umgehen, weil ich es hasse im Mittelpunkt zu stehen. Aber ich hoffe sie haben gemerkt, dass ich mich unendlich gefreut habe. Eigentlich mehr darüber, dass fast alle gekommen sind, als über die Geschenke, denn die habe ich nun wirklich nicht erwartet. Der Zapfhahn glüht und das Essen schmeckt. Leider müssen bald Steven und Groni zur HSV Abschlussfeier aufbrechen, aber das ist absolut o.k. Die Stunden vergehen, und der Zähler am Zapfhahn rotiert immer weiter. Gegen 23:00h wird er knapp 19 Liter anzeigen und ich bin sehr froh, dass alles so gut geklappt hat. Denke, es hat auch allen Anwesenden gefallen und so machen sich die letzten Verbliebenen Malte & Kim (war zwischenzeitlich eingetroffen), Ken, Tim, Julie und ich uns auf den Heimweg. Wer des Zählens mächtig ist wird feststellen, dass es 6 Personen waren, die nun auf Kims Auto zusteuerten. Und so hatte Tim dann das grosse Los gezogen, sich im Kofferaum nieder zulassen. Ken, Malte und ich gaben indes den Männerchor auf der Rückbank. Gegen 23:30h waren Julie und ich überglücklich zu Hause. Was für ein Tag! Was für eine Saison! Was für ein Jahr! Mehr Schatten als Licht aber dieses Saisonfinale entschädigt für einiges.
